A large family with cousin grandparent father and kid on a forest
Ein Stück Heimat in der Fremde: Ihre große Familie (Symbolfoto) hat Svetlana Sopper Morisch ihr ganzes Leben lang begleitet. | Foto: pololia / Adobe Stock

Markgraf-Ludwig-Gymnasium

“Wir hatten nichts und waren trotzdem glücklich”

14 Jahre jung und schon so erfahrungsreich, Svetlana Sopper Morisch (meine Mutter) ist im Jugendalter mit ihrer Familie von Russland nach Deutschland ausgesiedelt. Wie sie selber zu sagen pflegt, ist sie dieser Veränderung „mit einem lachenden sowie mit einem weinenden Auge“ entgegengegangen. Wie es ihr auf diesem Weg ergangen ist und ihre Familie immer an ihrer Seite war, erzählt sie mir in diesem Interview.

Mama, was war denn ausschlaggebend für die Aussiedlung und wie ging es dir dabei ?

Sopper Morisch: Meine Oma war zu Besuch in Deutschland, daraufhin merkte sie, wie schön es doch dort ist und wie gut es den Menschen geht. Nach dem Fall der Sowjetunion, setzte sich die ganze Familie zusammen und mein Vater beschloss entweder geht keiner von uns oder alle gehen und dann ging’s los. Ich hatte bei dieser Entscheidung nichts zu sagen, ich betrachtete alles mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich habe dort meine Kindheit verbracht, ich habe dort Judo gemacht, hatte dort meine Freunde und ganz besonders meinen Hund, ja das war sehr traurig. Doch nach Deutschland zu ziehen, dieses Gefühl war echt geil (sie lacht). Von Erzählungen wusste man schon, was einen dort erwartet, dort hatte man anscheinend alles. Doch noch besser war es, dass die ganze Familie dabei war, also hatte ich sozusagen einen Teil meiner Freunde dabei.

Wie genau lief dann die Aus- und Einreise ab?

Sopper Morisch: Um nach Deutschland einzureisen, musste unsere bereits in Deutschland lebende Familie eine Einladung an uns zu einer Familienzusammenkunft schicken. Wir wurden leider nicht von unserer Familie eingeladen, da wir 19 Personen waren und sie sich nicht um uns kümmern wollten. Glücklicherweise sind entfernte Verwandte von uns nach Deutschland eingeladen worden, welche uns wiederum zwei Jahre später einluden. Also wurde alles verkauft und gepackt, nur Handgepäck durfte mitgenommen werden. Meine Mama hatte heimlich Bilderbücher und etwas Geld im Gepäck versteckt, damit man ein paar Erinnerungen daran hat, wie und wo man aufgewachsen ist. Mit dem Zug fuhren wir nach Moskau und dort sind dann alle 19 Personen zusammen als Familie in den Flieger gestiegen, ich hatte mich wirklich sehr auf Deutschland gefreut. Am 3. März 1994 sind wir in Deutschland angekommen und wurden erst einmal für ein paar Monate in ein vorübergehendes Lager gesteckt und von unseren Verwandten mit Essen und anderen Dingen versorgt. Bis wir dann unsere erste Wohnung in Elmshorn (Schleswig-Holstein) bekommen haben.

Mama, gab es Schwierigkeiten mit Sprache, Bildung oder anderem?

Sopper Morisch: Meine Eltern hatten beide den Beruf Ingenieur erlernt, doch dieser wurde hier in Deutschland leider nicht anerkannt. Und mit der Sprache hat ihnen meine Großmutter geholfen, denn sie konnte ein wenig Deutsch sprechen. Ich hatte nie Schwierigkeiten, weder mit der Sprache noch mit der Bildung. Aufgrund meiner Sprachkenntnisse hatte ich erst meinen Hauptschulabschluss machen müssen und danach habe ich meinen Realschulabschluss gemacht. Nach fünf Jahren sind meine Eltern, meine Geschwister und ich nach Baden-Baden gezogen, aufgrund der besseren Bildungsmöglichkeiten, die es dort gab. Ich habe mein Fachabitur abgeschlossen und arbeite jetzt als Umweltschutztechnikerin.

Als ihr umgezogen seid, ist der Rest der Familie in Schleswig-Holstein geblieben, wie hat sich das alles in den letzten Jahren entwickelt?

Sopper Morisch: Es hat sich ungelogen nichts geändert, außer, dass man sich nicht mehr jeden Tag sieht. Wir stehen immer in Kontakt, man besucht sich auch öfter trotz der Entfernung. Man hält zusammen, baut sich auf, egal was passiert, lacht viel und tanzt gerne. Wir waren anfangs 19 Personen und jetzt sind wir ordentlich gewachsen auf etwa 44 Personen! Und es kennt jeder jeden. 27 Jahre in Deutschland, und immer noch die ganze Familie beisammen. Meine Familie hat mich schon mein ganzes Leben begleitet und so ist es glücklicherweise immer noch. Ich finde meine Eltern haben alles richtig gemacht. Es ist nicht sehr leicht sein ganzes Leben neu aufzubauen, doch sie haben es geschafft und ich bin dafür sehr dankbar.

Melissa Sopper | Klasse 9a
Markgraf-Ludwig-Gymnasium Baden-Baden