Symbolbild für Familie
Hilfe in der Not hat Louis bei der Schwester (Symbolfoto) seines damals schwerkranken Vaters gefunden. Sie und ihr Mann nahmen ihn mit sechs Jahren als Pflegekind auf. | Foto: Nathanael Kiefer / Adobe Stock

Markgraf-Ludwig-Gymnasium

Plötzlich neue Eltern und zwei Geschwister

Anna Kail nahm mit ungefähr 30 Jahren den Sohn ihres Bruders als Pflegekind auf. Sie selbst war zu dem Zeitpunkt seit sieben Jahren verheiratet und hatte bereits zwei leibliche Kinder, einen zweijährigen Sohn und eine siebenjährige Tochter. Der Junge lebte seine ersten sechs Jahre bei seinen Großeltern zusammen mit seinem leiblichen Vater. Die leibliche Mutter hatte sie direkt nach der Geburt verlassen. 2013 nahmen Anna und Alex Kail den damals sechsjährigen Louis als Pflegekind auf. Die Namen in dem Interview sind geändert.

Wie kam es dazu, dass Sie Louis als Pflegekind zu sich nahmen?

Kail: Da es seinen beiden Eltern psychisch nicht gut ging und meine Eltern mit einer „normalen“ Erziehung nicht klar kommen würden, haben wir von Anfang an schon gewusst, dass er eines Tages bei uns leben würde. Es war nur eine Frage der Zeit. Somit nahmen wir in schon mit sechs Jahren auf.

Wie war es am Anfang? War es sehr schwer?

Kail: Ja war es. Meine Eltern verwöhnten ihn sehr. Er war sozusagen Einzelkind. Sie schenkten ihm volle Aufmerksamkeit und er stand immer im Mittelpunkt. Als wir ihn dann hier aufgenommen haben, war das natürlich ganz anders für ihn. Er hatte auf einmal zwei Geschwister und musste sich somit Aufmerksamkeit und Liebe teilen. Da einer der Geschwister der jüngste aus der Familie war, bekam er am meisten Aufmerksamkeit, wodurch Louis eifersüchtig wurde und es sogar manchmal dazu kam, dass Louis Daniel weh tat. Nachdem wir das bemerkt hatten, haben wir uns mit ihm unterhalten und er ließ es dann auch. Trotzdem gab es auch noch andere Schwierigkeiten. Hier musste er sich an Regeln halten wie zum Beispiel hinter sich aufräumen, für die Schule lernen und Hausaufgaben erledigen, ihm wurden einige Sachen verboten wie zum Beispiel Spiele, die nicht für sein Alter geeignet waren. Bei meinen Eltern allerdings wurden ihm diese Dinge erlaubt und dort gab es auch keine Regeln. Durch diesen neuen „Alltagsrhythmus“ fühlte Louis sich auch anfangs nicht wohl.

Wie lange hat es gedauert, bis er sich wohl fühlte, bzw. fühlt er sich heute wohl?

Kail: Es hat mehrere Jahre gedauert. Es lag aber nicht an Louis, sondern an seinen Großeltern. Er besucht sie immer noch regelmäßig, früher jedes Wochenende, jetzt mittlerweile nur jedes zweite. Meine Eltern sahen ihn immer als „das arme Kind, das ohne Eltern aufwächst“, weshalb sie, wenn er dort war, ihm immer alles gaben, was er wollte, und was sie glaubten, dass er es benötige. Durch dieses regelmäßige Verwöhnen brauchte es ein paar Tage, bis er sich in unseren Rhythmus wieder einlebte. Heute fühlt er sich wohl und kommt mit dem Alltagsrhythmus in unserer Familie klar. Natürlich gibt es immer noch ein paar Schwierigkeiten, aber im Großen und Ganzen funktioniert es sehr gut.

Wie nahmen es Ihre Kinder auf? Wurden sie von Anfang an aufgeklärt, bzw. wissen sie heute Bescheid?

Kail: Beide haben sich sehr gefreut. Da Daniel, mein Sohn, noch sehr klein war, erinnerte er sich bis letztens nicht, dass Louis nicht sein leiblicher Bruder ist. Trotzdem fühlte er sich zu ihm immer sehr hingezogen als Bruder und nahm sich auch in einigen Dingen ein Beispiel an ihm. Er ist immer noch sehr gerne mit Louis zusammen und unternimmt sehr gerne was mit ihm. Meine Tochter Sophia verstand von Anfang an, in welcher Beziehung sie zu Louis steht. Als er noch damals bei meinen Eltern lebte, sah Sophia ihn als Cousin, jedoch als wir ihn dann zu uns nahmen, hat es nicht allzu lange gedauert, eine gute geschwisterliche Beziehung aufzubauen. Sie verstanden sich eigentlich schon immer sehr gut und tun es heute auch noch. Sophia fühlte oder fühlt sich manchmal immer noch etwas vernachlässigt in der Beziehung zu ihren Großeltern. Sie ist natürlich sehr dankbar, da ihre Großeltern ihr auch sehr viel schenken und geben und auch immer da sind, wenn sie was braucht, trotzdem aber wird Louis etwas mehr verwöhnt. Auch wenn es manchmal „unfair“ gegenüber Sophia und Daniel rüberkommt, können sie es trotzdem auch irgendwie nachvollziehen und verstehen.

Sie meinten Daniel hätte bis vor kurzem sich nicht daran erinnern können, dass Louis nicht sein leiblicher Bruder ist? Was genau meinten Sie damit? Haben Sie sich mit ihm über dieses Thema unterhalten?

Kail: Nein, haben wir nicht. Vor ungefähr drei Wochen ist mein Bruder verstorben, also der leibliche Vater von Louis. In den letzten Jahren haben Sophia und Daniel ihn sehr selten gesehen, weshalb Daniel gar nicht verstand , dass er sein Onkel ist. Da Sophia aber in ihrer Kindheit viel mit Louis und ihrem Onkel unternommen hat, kann sie sich sehr gut an ihn erinnern und sah ihn auch wie ihren Onkel. Aufgrund psychischer Probleme meines Bruders hatte Daniel kaum was mit ihm unternommen und konnte ihn nicht so kennenlernen wie Louis und Sophia. Als es dann hieß „Louis sein Papa ist gestorben“, war Daniel erst mal sehr verwirrt. Wir erklärten es ihm grob, wenn er dann alt genug ist, um es zu verstehen, werden wir uns mit ihm darüber aufrichtig unterhalten.

Wie sieht Louis Sie und Ihren Mann? Sieht er Sie als Mama und Papa?

Kail: Ja, er nannte uns eigentlich schon direkt Mama und Papa. Seinen leiblichen Vater nannte er auch Papa.

Was ist mit seiner leiblichen Mutter? Wo ist sie heute?

Kail: Das wissen wir nicht. Ab dem dritten Lebensjahr meldete sie sich nicht mehr. Die ersten drei Jahre ihres Sohnes kam sie an seinem Geburtstag zu Besuch. Danach hörten wir bis heute nichts mehr von ihr.

Hat Louis noch andere Geschwister?

Kail: Ja, er hat noch sechs Halbgeschwister.

Vielen Dank für das interessante Interview.

Carolina Stolz | Klasse 9c
Markgraf-Ludwig-Gymnasium Baden-Baden