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Auf jeden Fall viel Spaß hat diese Schülerin (Symbolfoto) zu Hause an ihrem Laptop. Unklar ist allerdings, ob sie den Online-Unterricht verfolgt oder nebenher mit ihren Freundinnen chattet. | Foto: insta_photos / Adobe Stock

Bismarck-Gymnasium

Online-Unterricht: Was hinter der Kamera läuft

7.45 Uhr, ich liege noch im Bett, bin ziemlich unmotiviert. Müde schalte ich meinen Computer an, um in die Konferenz einzutreten. Ich checke noch kurz alte Abgabetermine. Oh. Ich hätte Sonntagabend noch Physik abgeben sollen. Ich könnte es jetzt machen. Soll ich? Geht ja schnell . . .obwohl . . . Mein Kopf fällt zurück aufs Kissen und ich werde einige Minuten später von einer vertrauten Stimme aufgeweckt. „Guten Morgen, das Passwort für die Anwesenheit steht im Chat, vergesst bitte nicht euch einzutragen.“

Erst einmal noch ein wenig ausruhen

Im Halbschlaf richte ich mich auf und melde mich an. Dann lege ich mich wieder hin und genieße die paar Sekunden des Nichts-Tuns, in denen organisatorische Dinge geklärt werden müssen und mindestens ein Schüler oder eine Schülerin sagt, er/sie könne sein/ihr Mikro nicht anmachen. Ich döse also noch ein bisschen, trage ab und zu etwas zum Unterricht bei. Unterdessen frage ich mich, ob ich heute produktiv oder unproduktiv sein soll und komme zu dem Entschluss, mich erst einmal noch ein wenig auszuruhen, um mich emotional auf den Tag vorzubereiten. Wir wollen ja nichts überstürzen. Dann ist die erste Stunde auch schon vorbei.

Ich schalte mein Handy an, schaue kurz auf Instagram vorbei und gehe dann auf WhatsApp, um mit meinen Freunden zu schreiben. Nur so finde ich derzeit Kommunikation. Kommunikation verbindet, denke ich.

Ich werde angerufen und verbringe die Pause damit, mit meinen Freunden per Video zu chatten und mich anschließend zu fragen ob ich nicht aufstehen soll, vorbereitet, motiviert, wie eine Freundin von mir. Diesen Gedanken verschiebe ich jedoch schnell auf später, motiviert sind wir doch immer erst ab der dritten oder vierten Stunde, Elsa!

Ich mache mir etwas Musik an und es erscheint mir als würde ich Farben zu einem sonst eher eintönigen Bild hinzufügen. Natürlich nur leise, damit ich alles verstehen kann.

Während der Stunde schreibe ich viel mit meinen Freunden, die ebenso wenig Lust auf einen leeren, sprechenden Bildschirm haben. Ich frage mich, ob es allen Schülern gerade so geht wie mir, oder ob mein Lernverhalten „anders“ ist. Bin ich mit meiner eher blassen Motivation durchschnittlich, oder leiste ich vergleichsweise viel? Vielleicht liegen alle lustlos im Bett.

Ich kann förmlich sehen, wie der Faden der Bildung nicht durch mich durch oder in mich eindringt und sich sorgfältig in mir wieder zusammenrollt, sondern spürbar an mir vorbeigleitet. Ich frage mich, wie es wäre, wenn wir unsere Kamera anschalten müssten. Würden wir dann alle brav dasitzen und uns beteiligen? Wir würden gezwungen werden mit anständigen Klamotten am Schreibtisch zu sitzen, mitzuschreiben, nichts nebenher zu machen etc. Wäre es eine Erleichterung des Lernprozesses? Würde eine Überwachung zu erhöhter Leistung führen? Was wäre, wenn unsere Bildschirmzeit aufgenommen werden würde und der Computer berechnet, wie viel Zeit wir an unseren Aufgaben verbringen und diese Zeit dann den Lehrern zugesendet wird? Ich glaube, wir würden das Lernen verlernen. Das eigenständige Lernen, das Lernen unseretwegen, das Lernen für einen selbst und nicht das Lernen für Noten oder das Lernen des Zwangs wegen.

Wie ein Podcast im Hintergrund

„Das sollt ihr bitte mitschreiben“ höre ich dann, und werde aus meinem Schweben in Fragen und Suchen nach Antworten im Nichts herausgerissen. Ich mache ein Foto von der Mitschrift und erstelle ein Album „Sachen zum Abschreiben“. 30 Fotos wurden hinzugefügt. Dann beschließe ich, mir einen Plan zu schreiben. Ich setze mich hin, greife meinen Stift und lege los. In vielen verschiedenen Farben und mit vielen Schnörkeln schreibe ich „To-Do-List“ auf. Dann mache ich noch eine Liste auf der anderen Seite: „Noch nachholen von gestern, sehr dringend “, und verschiebe Englisch, Latein, Mathe & Musik von der gestrigen „Noch machen bis morgen, wichtig“-Liste in die „Noch nachholen von gestern, sehr dringend“- Liste. Ich fühle mich sofort viel produktiver. Vielleicht schaffe ich heute ja doch richtig viel. Ich fange deswegen an, mein Zimmer aufzuräumen. Der Unterricht läuft wie ein Podcast im Hintergrund. Das ist aber eine wirklich gute Sache, denke ich, dass ich während dem Unterricht gleich noch mein Zimmer aufräumen kann, andere Hausaufgaben machen kann oder kochen kann und zeitgleich noch etwas lernen kann. So wird man perfekt zum Multitasking-Mensch ausgebildet. Auch nicht schlecht. Außerdem ist Online-Unterricht nicht so schlimm, ich höre ja immer relativ gut zu, schreibe mit oder mache Fotos von Mitschriften und nehme mehr oder weniger am Unterricht teil. Ich weiß nicht, ob ich mir das nur einrede, um mich zu trösten, oder ob das die Wahrheit ist. Wahrscheinlich eher Letzteres (hoffe ich).

Werden wir alle durchfallen?

Nächster Tag, ich sitze auf dem Balkon und beobachte die Leute, während neben mir der Unterricht läuft. Ich habe mir einen Kaffee gemacht und sogar ein Blatt Papier und einen Stift neben mir liegen. Ach, herrlich. So lässt sich‘s leben. Ich genieße in vollen Zügen den Unterricht und frage mich, wann alles wieder normal sein wird. Eigentlich ist das Ganze wie ein Test. Ein Test der Selbstkontrolle und Disziplin, da man sich nicht an das vorgegebene Gitter der Schule Klammern kann. Da man nicht lernt, um gute Noten zu erzielen, sondern für sich selbst lernt, sich selbst gestaltet. Werden wir alle durchfallen?

Ich auf jeden Fall werde aus dem Ganzen mit hervorragenden Kochkünsten hervorgehen, die ich mir während des Unterrichts aneignete. Meine Freundin wird mit ausgezeichneten Näh-Künsten wieder zurückkehren, sie hat angefangen zu nähen. Eigentlich toll. Vielleicht kann man ja so sogar besser lernen, indem man Interessen und Pflichten verbindet. Vielleicht hält diese Zeit uns einen Spiegel vor die Nase, der uns zwingt, uns mit uns selbst auseinandersetzen und zu reflektieren, zu lernen, über uns selbst.

Ich mache mir leise Musik an. „Elsa, dein Mikro ist an“. Shit. Wie konnte das passieren?! Sowas ist mir noch nie passiert! Mist Mist Mist.

Elsa Ebeling | Klasse 9a
Bismarck-Gymnasium Karlsruhe