Improvisieren heißt, auf die Emotionen des anderen Schauspielers eingehen | Foto: bilderbox.com

Humboldt-Gymnasium

Wie aus fast nichts Theater wird

„Fünf-vier-drei-zwei-eins-los!“ So schallt es am Donnerstagnachmittag aus dem obersten Stockwerk des Humboldt-Gymnasiums. Hier findet nicht etwa ein Wettbewerb statt, hier probt die Improvisationstheater AG „Improtastic“. Sie besteht aus 16 Schülerinnen und Schülern im Alter von zwölf bis 16 Jahren, die Spaß am Theater spielen haben und Neues ausprobieren wollen. Beim Betreten des Raumes merkt man eines gleich: Es herrscht eine besondere Atmosphäre.

Einzigartige Momente

Die Schauspielerinnen und Schauspieler sitzen in einem Halbkreis vor einer Art Bühne. Gerade fragt die Spielleiterin die Mitglieder der Theater AG nach einem Märchen. „Hänsel und Gretel“ wird vorgeschlagen. Zwei Schülerinnen stellen sich Rücken an Rücken auf die Bühne. Es entsteht eine einmalige Hänsel und Gretel-Szene, die es so noch nie gegeben hat und sogar Zitate wie „Knusper knusper Knäuschen“ werden nicht vergessen. Doch dabei bleibt es nicht: Kurz darauf wird die ein minütige Szene erst auf 30 Sekunden, dann auf 15 Sekunden und schließlich auf fünf Sekunden verkürzt. Improvisationstheater ist nicht nur ein Programm aus einfachen Theaterübungen, sondern ein wahres Kunstwerk. Jeden Donnerstagnachmittag beschäftigen sich Schülerinnen und Schüler des Humboldt Gymnasiums mit dieser Theaterform.

Beim Improvisationstheater werden zuvor nicht einstudierte Szenen gespielt. Die Szenen entstehen unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen durch Publikumsimpulse. Die so genannte vierte Wand zwischen Publikum und Bühne ist aufgehoben und es kommt zu einem schönen Fluss miteinander.

Bereitet auf das Leben vor

Improvisationstheater ist aber laut Ina Cattaneo, die Leiterin der Mittelstufen Theater AG des Humboldt-Gymnasiums, nicht nur Theater, sondern es hilft den Jugendlichen später einmal sehr viel im Leben. „Da schulen sich viele Fähigkeiten wie spontan auf Situationen zu reagieren und aufeinander zu achten. Außerdem schafft diese Spielform
Selbstvertrauen“, erläutert Ina Cattaneo. „Man lernt zum einen darauf zu vertrauen, dass man etwas Gutes schaffen kann, das sich andere Menschen gerne anschauen. Zum anderen lernt man aber auch in seine Ideen zu vertrauen.“ Improvisationstheater hat aber noch eine weitere Besonderheit: Mit jeder Probe und sogar mit der Aufführung entsteht etwas Neues und es stehen Schülerinnen und Schüler auf der Bühne, die sich trauen, ohne festen Text, Spielplan oder Spielpartner vor Publikum zu spielen. „Ich habe noch nie erlebt, dass eine Improaufführung schief gegangen ist“, sagt Ina Cattaneo lachend.

Gerade spielen die Schülerinnen und Schüler das Format „Emotional Replay“. Ein Mädchen schlägt vor, das Suchen eines Tannenbaumständers zu improvisieren. Zwei Schauspieler begeben sich in einen staubigen Keller. Ganz hinten in einem Regal liegt der Ständer und ist so zugestaubt, dass einer der beiden erst mal niesen muss.

Reinrufen erlaubt

Nach der Szene werden Gefühle von der Theater AG auf die Bühne gerufen. „Wut“, ruft ein Junge. „Eifersucht“, tönt es von einem Mädchen. Die beiden Schauspieler entschließen sich, die Szene mit der Emotion Wut zu spielen. Kurz drauf schreit der eine Schauspieler den anderen so laut an, dass alle im Raum zusammenzucken. Aber er lässt sich nicht irritieren, denn beim Improvisieren gilt: Angebote annehmen, nicht blockieren, auch wenn die eigene Idee unberücksichtigt bleibt und: Die erste Idee ist die Beste! Nur so kann es zu einem Spielfluss kommen. So wird plötzlich aus einer Sporthalle ein Urwald, aus einer Stadtbesichtigung ein Friseursalon, aus einem Baum ein Pinguin und aus einem kleinen Jungen ein Kaffeeautomat. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Es entstehen einmalige Szenen, deren Ergebnis oft erstaunlich, unerwartet und zum Lachen komisch, aber vor allem eines sind: Kunst.

Haushaltsszenen werden zu Theater

Durch das gemeinsame Spielen entwickeln die Schauspieler Selbstvertrauen und Vertrauen zueinander, denn sie müssen sich in jeder Szene blind aufeinander verlassen können.

Bei „Improtastic“ geht es nicht nur um Haushaltstätigkeiten wie „Bügeln“ oder „Tannenbaumständer im Keller suchen“. Die Jugendlichen stellen auch politische Themen oder Themen, die sie gerade interessieren, mit einem zwinkernden Auge dar.

Ein ganz besonderer Nachmittag im oberen Stockwerk des Humboldt-Gymnasiums geht zu Ende: Ein Nachmittag, der gezeigt hat, wie kreativ Schülerinnen und Schüler sein können und wie viel Spaß es macht, einfach mal „loszulegen“.

Nina Baumann | Klasse 10a
Humboldt-Gymnasium