Bodenarbeit mit Pony | Foto: privat

Humboldt-Gymnasium

Reiten ist gut für Körper und Seele

Aufsatteln, Trense drauf und ab in den Wald oder aufs Feld. Reiter sind immer sehr viel und sehr lang in der Natur und an der frischen Luft unterwegs. Das tut sowohl dem Körper als auch der Seele gut und verleiht der Haut in den Sommermonaten auch eine beneidenswerte Bräune.Wann wir Reiter zum letzten Mal so richtig krank waren, wissen wir meistens schon gar nicht mehr, denn wir sind bei jedem Wetter draußen. Obwohl die milden Temperaturen im Frühling und im Herbst am angenehmsten für die Arbeit im Stall sind, ist Reiten definitiv kein saisonales Hobby. Im Sommer schwitzt man mehr als man trinken kann, im Winter friert man so sehr, dass man seine Finger nicht mehr spürt.

Na und?

Wir sind bei Wind und Wetter draußen, sind harte körperliche Arbeit gewohnt und sind uns nicht zu schade, auch mal schmutzig zu werden und selbst nach Pferd zu riechen. Außerdem sind wir sehr viel in Bewegung und das nicht nur auf dem Pferd, sondern vor allem rund ums Pferd. Die Box muss ausgemistet, der Paddock abgeäppelt werden, Sattel, Trense, Putzzeug und was noch alles dazugehört muss bereitgestellt, gepflegt und am Ende wieder aufgeräumt werden, das Pferd muss von der Koppel geholt werden. Am Ende des Tages hat man einige Kilometer hinter sich und sein persönliches Schrittpensum definitiv erreicht.

Gerade bei Kindern, aber auch bei Reitern jeden Alters schult der Umgang mit dem Pferd Feinmotorik und Balance. Mit der Zeit entsteht ein Gleichgewicht zwischen einer positiven Körperspannung und zugleich einer gewissen Flexibilität und Nachgiebigkeit. Reiten fordert Disziplin, Ehrgeiz und die Fähigkeit, mit dem Partner Pferd in einem Team zu arbeiten. Es fördert Offenheit, Empathie und Verantwortungsgefühl. Man lernt, Geduld zu haben, sich Ziele zu setzen, diese schrittweise zu erarbeiten und Rückschläge zu akzeptieren, sich zu überwinden und nicht gleich die Lust zu verlieren, nur weil etwas nicht auf Anhieb so klappt, wie man es sich vielleicht vorgestellt hat.

Umgang mit Pferden prägt den eigenen Charakter

Der Umgang mit dem Pferd hat einen hohen erzieherischen Wert und prägt den Charakter des Menschen. Man lernt, dass Druck und Gewalt genau so wenig bewirken wie Bestechung und Manipulation. Durch ihre ganz eigene Sprache lehren uns die Pferde, uns ganz klar auszudrücken, besser zuzuhören und genauer hinzusehen, bevor wir vorschnell urteilen. Denn obwohl Pferde sich auch mit Geräuschen wie Wiehern, Quietschen oder Brummeln ausdrücken können, kommunizieren sie hauptsächlich über Körpersprache. Von Ihnen können wir viel über unsere eigene Körpersprache lernen, das verbessert unser Körpergefühl und stärkt das Selbstbewusstsein.

Entspannung im Stall

Der Stall ist für mich ein Ort der Ruhe und Entspannung. Keine WhatsApp-Nachrichten, keine E-Mails, keine Anrufe, einfach im Hier und Jetzt leben. Der Alltagsstress verschwindet und Gedankenspiralen werden für eine gewisse Zeit unterbrochen. Das ist auch einer der Gründe, warum Pferde zu Therapiezwecken eingesetzt werden, denn sie vermitteln ein Gefühl von Ruhe und Wärme, das sich sehr positiv auf uns Menschen auswirkt.

Der Weg ist das Ziel

In der heutigen Zeit ist man es gewohnt, dass man oft sehr schnell bekommt, was man möchte. Mit ein paar Klicks im Internet ist ein neues Shirt bestellt, wenn die Lieferung mehr als ein paar Tage dauert, wird man schon ungeduldig und wenn einem das Shirt dann nach ein paar Mal tragen nicht mehr gefällt, wird es weggeworfen, achtlos zur Seite gelegt oder im besten Fall weiterverschenkt oder verkauft.

Reiten lernt man nicht von heute auf morgen. Es ist ein langer Prozess, eine lange Reise im sich steigern, besser werden, vorwärtskommen, die immer weitergeht und niemals zu Ende ist. Im Umgang mit dem Pferd hat man nie zu Ende gelernt, man kann sich immer noch steigern, immer noch besser werden. Ein Reiter, der sagt: „Jetzt kann ich alles“ belügt entweder seinen Gegenüber oder sich selbst.

Geben und Nehmen

Der Umgang mit dem Pferd ist immer ein Wechselspiel zwischen Geben und Nehmen, doch gerade in Zeiten des Corona-Virus, wo auch in den Ställen nur das Nötigste an Versorgung und Bewegung der Pferde erledigt werden kann, muss man auch mal in der Lage sein, nur zu geben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Genauso auch, wenn das Pferd alt oder krank ist oder aus irgendwelchen anderen Gründen nicht mehr die erwünschte Leistung erbringen kann. Viele Pferde werden dann weggegeben, wie ein Shirt, das einem nicht mehr gefällt achtlos zur Seite gestellt, oder im allerschlimmsten Fall zum Schlachter gebracht. Für mich ist der Partner Pferd ein wichtiges Familienmitglied, egal, wie groß oder klein, alt oder jung, krank oder gesund. Ich würde alles dafür geben, dass es meinen Pferden gut geht und würde niemals eins hergeben, nur weil es ausgedient hat.

Mehr als Reiten

Pferde sind Fluchttiere und können sich schnell mal in Situationen sehr erschrecken, die für uns ganz normal erscheinen, wie zum Beispiel ein Vogel, der plötzlich wegfliegt, ein Rascheln im Gebüsch oder ein vorbeifahrendes Fahrrad. Wenn man dann nicht gelernt hat, mit solchen Situationen umzugehen, kann es für Reiter und Pferd sehr gefährlich werden. Auch hier gilt: Der Weg ist das Ziel und man hat nie ausgelernt. Reiten lernen heißt unter anderem auch zu lernen, mit solchen Situationen ruhig umzugehen und mögliche Gefahrensituationen frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden. Die Basis beim Umgang mit Pferden ist ein gesundes Gleichgewicht zwischen gegenseitigem Vertrauen und Respekt.

Wenn ein Pferd dir richtig vertraut, wird es auch in einer Schrecksituation nicht gleich die Flucht antreten, sondern sich in den allermeisten Fällen vertrauensvoll deiner sicheren Führung anschließen. Von einem Pferd allerdings, das nicht den nötigen Respekt vor dir hat, kann ebenfalls eine große Gefahr ausgehen. Bei besonders futterneidischen Pferden kann es zum Beispiel passieren, dass sie versuchen würden, um jeden Preis an ihr Futter zu kommen, und dich dabei über den Haufen rennen. Das kann sogar schon bei einem Pony gefährlich werden, denn auch ein kleines Shetlandpony ist ca. dreimal so schwer wie eine normalgroße junge Frau und hat damit auch mindestens dreimal soviel Kraft. Ein durchschnittliches Warmblut wiegt etwa 650 kg und ein Shire Horse, eine der größten Pferderassen kann sogar über eine Tonne wiegen. So ein Pferd kann man nicht eben mal schnell zur Seite schieben.

Kein Leben ohne Pferd vorstellbar

Ich selbst habe seit sieben Jahren mit Pferden zu tun und kann mir seitdem ein Leben ohne die Pferde nicht mehr vorstellen. Das Reiten habe ich auf dem Shetlandpony meiner Mutter gelernt. Inzwischen habe ich zwar eine Reitbeteiligung auf einem größeren Pferd, aber obwohl ich jetzt zu groß und zu schwer für das Pony bin, auf dem ich das Reiten gelernt habe, habe ich meine Leidenschaft für die Shetlandponys nie verloren und liebe es, mit ihnen Bodenarbeit aller Art zu machen und ihnen kleine Zirkustricks beizubringen. Auch wenn man dabei nie aus den Augen verlieren darf: So klein und niedlich ein Pony auch sein mag, es ist kein Spielzeug und hat eine starke Persönlichkeit, die auch geschätzt werden muss.

Miriam Ohmer| Klasse 10a
Humboldt-Gymnasium